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Meor ehrod das Ault, und grüssed das Nü…

Vom Bregenzerwälder Mundartdichter Gebhard Wölfle (1848-1904) stammt der Ausspruch:

Meor ehrod das Ault, und grüssed das Nü, und blibot üs sealb und dr Hoamat trü.“

Frei übersetzt heißt das: „Wir ehren das Alte, begrüssen das Neue, und bleiben uns selbst und unserer Heimat treu.“ Dieses Zitat hat das Selbstverständnis des Bregenzerwaldes wesentlich geprägt. Gut so, denn der Ausspruch ist weise und passt besonders gut in die heutige Zeit.

Im folgenden Beitrag möchte ich kurz darauf eingehen,

  • warum ich dieses Zitat gerade heutzutage so wertvoll finde,
  • welche Probleme ich mit der praktischen Umsetzung sehe und
  • welches Umdenken notwendig ist, um das Zitat WIRKLICH zu leben.

Vernetzte Gesellschaft

Wir leben in einer besonderen Zeit. Durch die Einführung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (Internet, Web 2.0, Mobile etc.) ist die Vernetzungsdichte und damit die Komplexität förmlich explodiert. Dies wirkt wie ein Beschleuniger auf soziale, ökonomische und ökologische Prozesse und bringt Vor- aber auch Nachteile mit sich.

Prof. Dirk Baecker, einer der namhaften Soziologen in Deutschland, spricht vom Übergang in die Vernetzte Gesellschaft. Die Entwicklung hat aber nicht den Charakter einer Evolution, sondern vielmehr einer Revolution. Ich behaupte: Dies ist den meisten Menschen noch nicht bewusst, bzw. sie möchten den Gedanken nicht zulassen und wehren sich dagegen.

Wenn wir uns diesem (zugegebenermaßen radikalen) globalen Wandlungsprozess verschließen, kann wird dies mittel- bis langfristig erhebliche negative Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, Wirtschaft und alle sozialen Systeme haben.

Im Zentrum sollte immer wieder die Frage stehen: „Was braucht es, damit eine Gesellschaft funktioniert?“. Und diese Gesellschaft ist nicht auf Orte oder Regionen einzugrenzen. Ultimativ schließt der Begriff Gesellschaft ALLE Menschen ein, denn die großen Herausforderungen unserer Welt sind schon lange global und umfassend.

Zurück zum Wölfle-Zitat: Es braucht BEIDES, nämlich eine Renaissance alter Werte und Prinzipien UND eine offene, mutige Auseinandersetzung mit der Zukunft.

Wie halten wir es tatsächlich mit dem Neuen?

Mein Eindruck ist immer wieder, dass dem ersten Halbsatz des Zitates 95% an Bedeutung beigemessen wird und der zweiten Hälfte 5%. Wie komme ich dazu?

  • „Wir ehren das Alte“ steht für das Bewahren der Tradition, der Wurzeln und Werte.
  • „Wir begrüßen das Neue“ steht für das Verändern und die mutige Auseinandersetzung mit der Zukunft.

Gerade in einer sehr reichen Gesellschaft wie der unseren ist die Angst, den erreichten Wohlstand zu verlieren, tief verwurzelt. Menschen kämpfen (bewusst oder unbewusst) mit beinahe allen Mitteln dafür, das Erreichte zu erhalten. Eine der Folgewirkungen ist der Egoismus und Individualismus in unserer Gesellschaft, den wir seit einigen Jahrzehnten immer stärker erleben. Dabei sollten wir aber erkennen:

  • Der Graben zwischen Arm und Reich ist nicht nur global immer größer, er durchzieht bereits die Gesellschaften in der „1. Welt“.
  • Der Versuch, das eigene Leben (ohne Rücksicht auf andere) zu verbessern, wird unweigerlich in einer Sackgasse münden.
  • Dem Einzelnen kann es nur gut gehen, wenn es dem Ganzen gut geht.
  • Es geht nur gemeinsam. Wir brauchen eine neue, echte Kooperationskultur. Dann entsteht für jeden Einzelnen auch ein neuer SINN, sich für eine funktionierende Gesellschaft einzusetzen.

Zurück zum Wölfle-Zitat: Genau betrachtet beschreibt Wölfle eine so genannte „Aporie„. Das ist „ein Widerspruch, der für das Verständnis der Welt von Bedeutung ist“ (Pietschmann: Logische Ausweglosigkeiten). Einfach ausgedrückt: Unser Denken ist nach wie vor durch ein „Decartes’sches Weltbild“ geprägt, nämlich den Ausschluss von Aporien. Es ist ENTWEDER so ODER so. In einer komplexen Welt stoßen wir mit diesem Denken aber sehr schnell an die Grenzen. Wir müssen die guten Werte und Traditionen bewahren bzw. wieder entdecken UND offen und mutig verändern und auf das Neue zugehen.

In der Logik der Aporie wird dies in folgendem Video von Dr. Heinz Peter Wallner und Prof. Kurt Völkl erklärt (siehe hierzu auch: Widersprüche kann man lieben):

Umdenken!

Es gibt viele Ansatzpunkte, wie wir unsere Gesellschaft von innen heraus auf die neue Welt vorbereiten können. Ich möchte mich aber auf einen Punkt konzentrieren. Dieser lautet:

Wir brauchen Führungskräfte und -systeme, die in der Lage sind, mindestens eine Systemebene höher zu Denken. Dies beinhaltet das Erkennen des Bedarfs im übergeordneten System und die konsequente Ausrichtung allen Führungshandelns an dem übergeordneten Auftrag, der sich daraus ableiten lässt.

Was bedeutet das konkret? Führung ist jene Funktion in sozialen Systemen, die für den Systemerhalt zuständig ist. Diese Rolle haben

  • in Familien die Eltern (bis die Kinder erwachsen sind),
  • in Unternehmen die Führungskräfte und
  • in Gesellschaften die politischen Repräsentant/innen.

Eines muss uns aber klar sein: Wenn wir nicht bereit sind, unser Denken in diese Richtung zu öffnen und zu lernen, was „Führung in einer komplexen, vernetzten Welt“ leisten muss, werden wir keine echten Lösungen für die Probleme unserer Zeit finden. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Dazu braucht es Offenheit, Leidenschaft und Mut.

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